Freiwilliges Soziales Jahr in Norwegen

Lina Weinmeister

Lina Weinmeister absolviert derzeit ihr Freiwilliges Soziales Jahr in Norwegen und hat sich für einen Erfahrungsbericht etwas ganz Besonderes einfallen lassen:

Der Lundheim Fettnäpfchen Führer

Norwegen, das Land der Wikinger und Trolle, der kleinen Örtchen und Kommunen, mit seinen Fjorden und Bergen, das ist doch mal was ganz anderes als die Großstädte in Deutschland aus denen wir kommen. Selbst die Hauptstadt Oslo mit 640.313 Einwohnern (2014) hat gerade mal mehr Einwohner als meine Heimatstadt Essen mit 573.784 Einwohner (2014). Da ist es doch nur verständlich, dass es den einen oder anderen Unterschied in der Lebensführung gibt. Beginnend mit den Einkauf, hin zum Kinobesuch, der Nachbarschaft etc…

Nun habe ich die letzten neun Monate nicht nur an irgendeinem kleinen Ort im Norden verbracht. Nein, es ist eine der so genannten Folkehöyskolen. An solchen Schulen leben Schüler in einem Alter von ca.18 bis 25 Jahren für ein Jahr (max.2 Jahre) zusammen und vertiefen ihre Interessen in Fächern wie Sport, Theater, Kochen, Musik, Fußball oder aber E-Sport. Noten gibt es keine, dafür aber jede Menge Spaß, neue Erfahrungen und Bekanntschaften. Und das Gute daran, diese Schulen sind integrativ und bieten wirklich jedem die Möglichkeit sich auszuleben und auszuprobieren.

Im Folgenden werden einige Merkwürdigkeiten, schräge norwegische Ticks und Fun Facts aus diesem Jahr aufgezählt, um es den folgenden deutschen Generationen von Assistenten leichter zu machen, sich in dem schrägen Wirrwarr aus norwegischer Kultur und Jugendkult zurecht zu finden.

1.Fangen wir mal hiermit an. Die Lehrer sind sich für nichts zu schade und machen jeden Unsinn mit. Dies ist mir schon ziemlich früh aufgefallen. Jeden Samstagabend gibt es ein von den Klassen vorbereitetes Abendprogramm. Am aller ersten Samstag wurde dies von den Lehrern übernommen. Und da ergab sich, dass plötzlich ein homophiler Pirat im rosa Tutu und nackten Kugelbauch über die Bühne hüpft. Das war der Lehrer für E-Sport und Media und Rosenborgs Fan Nr.1.

2.Es ist nie zu warm, um eine Mütze zu tragen und nie zu kalt, um Barfuß zu gehen. Ja, auch dies ist so eine Eigenart, die ich in diesem Jahr täglich beobachten konnte. Was sich zuerst ausschließlich auf den männlichen Teil der Schüler bezog, machte zum Schluss auch keinen Halt mehr vor den Damen. Ja sogar ich ertappte mich dabei, wie ich wieder eine engere Beziehung zu meinen nackten Füßen aufgebaut habe.

3.Fleischkonsum, Wasserverbrauch und Energiesparen. Alle, die bisher immer gedacht haben, dass die skandinavischen Ländern im allem so fortschrittlich sind, müssen jetzt gut die Ohren spitzen. Spaghetti mit Tomatensoße und wo ist da das Fleisch? Nein, ohne Fleisch geht hier kein Gericht. Sogar auf die Pizza wird grundsätzlich Fleisch gepackt. Vegetarier sucht man hier vergeblich. Den Wasserhahn schließen, weil ich doch lieber erst das Lied wechsle, bevor ich beginne mir das Gesicht zu waschen? Nein, warum sollte man das auch tun, dann wird das Wasser ja wieder kalt. Und das Licht ausmachen, wenn man den Raum für einen geplant längeren Zeitraum verlässt oder gar sich schlafen legt? Völlig übertrieben diese Handlungen, wer kommt denn auf so welche Ideen. Jaja, da merkt man mal die Unterschiede im deutschen und norwegischen Bewusstsein und Denken.

4.Alle zukünftigen männlichen Assistenten müssen jetzt stark sein, denn es könnte so sein, dass du der achte Junge auf ein Mädchen bist. Naja, ganz so schlimm ist es dann doch nicht. Dieses Jahr waren es 57 Jungen und immerhin 21 Mädchen. Doch dies macht dem ein oder anderen zu schaffen bei der doch begrenzten weiblichen Auswahl. Passend zu dem Zweitnamen der Schule Paradise Hotel (Norwegische Reality-TV Show über...ja worum geht es da eigentlich genau? … Singles, Flirten, Drama und Co).

5.Knäckebrot oder Holland Toast. Für den Vollkornbrot verwöhnten Deutschen scheint die Brotauswahl sehr mickrig daher zukommen. Doch die Norweger lieben ihr Brot, gerne mit dem bräunlich süßen Käse Brunost, Makrell i Tomat oder Leberwurst mit Mayonnaise.

6.Mutproben wie Eisbaden bei -13°C Außentemperatur gehören hier zum Freizeitprogramm. Dass die Lehrer hier etwas anders drauf sind, haben wir ja schon in Punkt eins festgestellt, und somit ist das Freizeitprogramm auch der etwas anderen Art. Ja, auch wir Assistenten haben uns von den Ideen der Lehrer anstecken lassen und haben uns als Charity Aktion von den Schülern mit Farbbomben abwerfen lassen unter dem Slogan “Bombardiert die Trollkjerringe!”.

7.“Ha en fin dag. Yes!” mit immer denselben Worten endet die morgendliche Versammlung, die Morgensamling. Ein morgendliches Muss und nichts für Morgenmuffels. Mit Dingen zum Nachdenken, Tips und allen möglichen Zeug wird der Morgen gemeinsam begonnen. Liedern wie 1-2-75-6-7 sorgen dann noch für die Grundlagen für einen Ohrwurm geplagten Tag und dann das alles entscheidende “Ha en fin dag” vom Schulleiter, auf das die nun völlig motivierten Schülern mit einer einstudierten Armbewegung und einem lauten “Yes!” antworten müssen.

8.Auch die Schüler sind alle sehr besonders, da gibt es die Rollstuhlfahrer, bei denen du mehr Kontrolle über das Fahrzeug hast als der Lizenzinhaber selbst. Den völlig unbegabten Country-Sänger, der zugleich noch Fußballhooligan ist. Den Panflöte spielenden Inkadude aus Kolumbien. Leute die stets eine Scheibe Brot mit Butter und Gurken und dazu ein Glas Milch zum Frühstück, Lunch und Abendbrot essen. Und nicht zu vergessen der plötzlich auftretende Trend sich die Haare in den wildesten Farben zu färben, gerne auch kunterbunt.

9.Und zum guten Schluss nimmt euch im acht vor den Trollen. Ja, ihr habt richtig gehört. Da waren einmal drei Trolle, die trieben ihren Spaß mit den Bewohnern in Lundheim. Da war ein großer alter Troll, der liebte es, Leute zu erschrecken und war fürchterlich laut, weil er auch nicht mehr so gut hören konnte. Ein ganz kleiner Troll, der kämpfte stark gegen die Vereinnahmung, dass kleine Trolle putzig und süß sind, und deshalb war er manchmal ein wenig ruppig und wild. Und ein schrecklich starker Troll, der doch im Inneren eine kleine Schissbukse war und es ruhig und harmonisch liebte. Doch alle drei waren herzensgut und wurden von den Schülern geliebt und geschätzt.

Das war es von mir. Macht eure eigenen Erfahrungen und vielleicht erkennt ihr den ein oder andern Punkt bei eurem Aufenthalt an der Schule wieder und müsst an diesen Fettnäpfchen Führer zurück denken und schmunzeln.

Auf jeden Fall wünsche ich euch viel Spaß.

Trollkjerring

DRK Freiwerk Karte Einsatzstellen
Kontakt

Unsere Service-Nummern

TELEFON: 0211 3104-152
WHATSAPP: 01573 6574018

MO - DO 8:30 - 12:30 und 13:00 - 16:30 Uhr
FR 8:30 - 13:00 Uhr

    1. Du möchtest uns per E-Mail eine Frage stellen?