Freiwilliges soziales Jahr in Finnland

Julian Willming

Julian Willming absolviert sein Freiwilliges Soziales Jahr derzeit in Finnland. Wir haben ihn gebeten, uns einen Erfahrungsbericht anzufertigen und zu berichten, wie er die finnische Kultur und seinen Alltag bisher erlebt hat:


"Ich möchte nach meinem ersten Erfahrungsbericht über meinen Auslandsfreiwilligendienst in einem finnischen Kindergarten mit dem Deutschen Roten Kreuz nun ein weiteres Mal von Erlebnissen hier berichten. Diesmal widme ich mich der Kultur und den Sitten und Bräuchen des Gastlandes.

Als „junges Küken“, das zum ersten Mal in seinem Leben sein Zuhause und sein Heimatdorf verlassen hat, kam ich ziemlich selbstbewusst in dieses Land. Ich dachte, die ganze Welt stehe mir offen. Doch nach sieben Monaten Auslandsaufenthalt muss ich meine damalige Aussage etwas zurücknehmen. Es war naiv von mir zu glauben, jeder und alles würde sich um mich drehen. Ich habe mich zügig an Gepflogenheiten und Manieren des Gastlandes gewöhnt, was ein Meilenstein war, der für mich persönlich als Julian wichtiger und schwerer war als anfangs gedacht. In diesem Sinne ist ein Teil meines Handels wahrscheinlich für mein Leben lang finnisch geprägt. Ein gewisser Grad an innerer Ruhe, welcher ein typisches Merkmal der Finnen ist, ist in mir gewachsen und begleitet mich nun ständig.


Die Gefahr für jemanden, der für ein Jahr ins Ausland geht, könnte sein, dass er sich nicht genug anpasst. Man kann es auch so beschreiben: Man denkt anfangs vielleicht, man sei Fehl am Platz. In diesem Zusammenhang spricht man von einem Kulturschock, der auf die erste Begeisterung folgt. Allerdings glaube ich, dass man erst nach einiger Zeit Abstand von der Kultur, nach Ende des Auslandsfreiwilligendienstes,  richtig unterscheiden kann, ob man nur einen schlechten Tag hatte oder wirklich mit der Kultur des Gastlandes zusammengestoßen und einen Kulturschock erlebt hat. Ich persönlich empfinde das hier in Finnland nicht, denn der Unterschied zwischen Finnland und Deutschland ist nicht allzu groß:

Ich kann auf alle deutschen Produkte in unserem naheliegenden Lidl zurückgreifen, um bei möglichem Heimweh ein bisschen deutsches Gefühl in den finnischen Alltag zu bringen. Weitere Charakterzüge der Finnen, die ich in Deutschland auch vorfinden würde, sind zuverlässige Arbeit, Bildung, das Aussehen und auch modisch sehe ich die Finnen und Deutschen auf ähnlichem Niveau. In meiner Einsatzstelle kommt jeder pünktlich und erledigt seine Aufgaben. Beschwerden über Chef, Eltern oder Arbeitskollegen höre ich selten. Ich gehe davon aus, dass dies nicht verschwiegen wird, sondern an der Arbeitsmoral der Finnen liegt.

Außerdem sind die Finnen bekannt für ihre gute Bildung. Ich sehe das Bildungsprogramm der Früherziehung und die Intelligenz der Menschen zwar nicht in einer anderen Liga im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wie Deutschland, aber die Art und Weise, wie Kinder gefördert werden, gefällt mir. Man kann sich von Friseur bis Busfahrer gut auf Englisch unterhalten und die Ärzte reden sogar teils gutes Deutsch mit mir.

Erwähnenswert ist aber, dass die Finnen ihre „Smartness“ verstecken wollen. Viele Einheimische haben mir anfangs gesagt, dass sie kein gutes Englisch sprechen würden, was sich später als Irrtum herausstellte. Die Schüchternheit scheint zentrales Merkmal der finnischen Bevölkerung zu sein.

Diese innere Ruhe und die Schüchternheit sind mir von Anfang an stark aufgefallen. Bei Gesprächen ist eine Gesprächspause Gang und Gebe und an einem schweigenden Tisch fühlt sich kein Finne unwohl. Für eine ziemlich ungeduldige Person wie mich war das anfangs ziemlich fremd. Mittlerweile weiß ich aber, dass das Schweigen einer Person kein Urteil gegen dich persönlich ist.


Worauf man sich in Finnland allerdings einstellen sollte, ist der Mangel an Sonne. In meinen ersten sieben Monaten darf ich stolze vier davon als Winter bezeichnen. Die Zeit von November bis Februar (eigentlich auch Oktober und März)  ist der finnische talvi. Der Winter ist geprägt von Schnee, Glätte und Dunkelheit. Zwar war die Weihnachtszeit bei meterhohem Schnee sehr schön für mich, die Finnen dagegen sind davon recht genervt. Es fing schon im Oktober mit dem ersten Schnee und immer kälteren Tagen an und kam Ende Dezember zum Höhepunkt, als die Sonne tatsächlich um 10 Uhr auf- und um 15:10 unterging. Dabei ist hinzuzufügen, dass es sich nicht um reine Sonnenstunden handelte, sondern nur um Helligkeit. Sonnenstunden gab es im Dezember trotzdem reichlich - exakt 4! Da hilft manchmal nur die Ironie, mit Hilfe derer es mir möglich war, meinen Freunden und Arbeitskollegen ein kleines Lächeln ins Gesicht zu zaubern.

Auch die Natur gehört zur finnischen Kultur. So ist es im Sommer üblich, dass sich finnische Familien auf ihr eigenes Mökki zurückziehen und es einfach genießen, eine Woche ohne Handyempfang zu sein. Auch viele Nationalparks laden zum Hiken, Zelten und Angeln ein. Hier  zeigt sich Finnland von seiner schönsten Seite. Als Angler bin ich dabei umso enthusiastischer, wenn es in die Natur geht. Typische Ausflüge weg von der Stadt haben wir bereits ein paar Mal gemacht. Bisher hat mich das finnische Natur-Feeling begeistert und weil der Sommer noch vor der Tür steht, bin ich noch auf einiges gefasst.

Trotz zahlreicher toller Erfahrungen hatte ich aber auch teilweise mit der Schüchternheit der Finnen zu kämpfen. Ich habe mich viel damit auseinandergesetzt und bin dann zu dem Entschluss gekommen, dass ich mich eher meiner Umgebung anpassen muss, als dass ich Menschen verändern oder überzeugen sollte. Dieser Schritt hat mir sowohl in der Selbstfindung als auch im Verstehen der Kultur besser geholfen. Demnach ist der Umgang mit der Schüchternheit ganz klar eine Charakterfrage. Ohne meine Auseinandersetzung damit, hätte ich wahrscheinlich viele Zweifel an mir selbst gehabt und wäre möglicherweise in eine tiefe depressive Stimmung verfallen, die die Sehnsucht zum Heimatland ausgelöst hätte.

Das ist dann auch der nächste Punkt: Deutschland. Durch Kontakt mit Familie und Freunde bin ich nie ganz abgeschottet, aber ziemlich eingeschränkt in der Pflege der sozialen Beziehungen. Mit Constantin und Julian befinden sich zwei Deutsche direkt in meiner Umgebung, doch manchmal denke ich auch über die Heimat nach. Dabei vermisse ich tiefere Beziehungen und Gespräche, die hier nur mit wenigen Personen möglich sind. Die Finnen sind kein Volk der Emotionen, sodass aufschlussreiche Gespräche nicht stattfinden. Diese Direktheit vermisse ich an Deutschland.

Alles in allem existieren bei näherem Hinsehen ein paar Dinge, die man an Deutschland vermisst. Um diesen Abschnitt nicht negativ abzuschließen, sollte ich erwähnen, dass die „Nachteile“ aber durch etliche Vorteile kompensiert werden. Zudem entwickeln Julian und ich in der Wohnung konsequent neue Ideen für die Gestaltung dieser einmaligen Chance. Übrigens sehe ich im Nachhinein meine zwischenzeitliche Reise nach Deutschland als eine richtige Entscheidung an. Zum einen habe ich gemerkt, dass sich in der Heimat bis auf die jährlichen Geschehnisse nicht viel abspielt und ich nicht viel verpasse und zum anderen war es einfach Erfüllung und ein bisschen Genugtuung, Freunden und Familie von komplett neuen Erfahrungen zu berichten und von Erlebnissen zu erzählen, die andere nicht im Ansatz erleben dürfen.

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