Freiwilliges Soziales Jahr in Finnland

Julian Tamcke

Wir wollen regelmäßig wissen, wie unsere Freiwilligen ihre Zeit im Ausland erleben. Mit unserem Freiwilligen Julian Tamcke haben wir deshalb ein Interview geführt. Wir haben ihn gefragt, wie er die finnische Kultur bisher erlebt hat und ob er Deutschland vermisst. Hier könnt ihr einige Auszüge lesen:

DRK: Julian, du bist derzeit für dein FSJ in Finnland. Hast du einen Kulturschock wahrgenommen? Wann hattest du ihn und wie sah er aus?

Julian: Mir ist bis jetzt kein wirklicher Kulturschock widerfahren. Ein Grund dafür ist wohl, dass die finnische Kultur der deutschen ähnelt. Der Tagesablauf und das gesellschaftliche System sind beinahe identisch, sodass ich ohne große Umstrukturierungen meiner Gewohnheiten in der neuen Umgebung Platz gefunden habe. Gleiches zeigt sich auch im Umgang mit den Menschen an sich. Die angeblich deutschen Tugenden wie Zuverlässigkeit und Fleiß finden sich hier in gleichem Maße und erzeugen in mir ein Gefühl der Gewohnheit. Einen Unterschied gibt es jedoch: Die Schweigsamkeit. Offenes Auftreten gehört eindeutig nicht zum finnischen Habitus. Manchmal betritt man einen Raum voller Menschen, verlässt ihn zehn Minuten später wieder und hat kein Wort gewechselt oder gehört, dass jemand anderes es getan hätte. Das kann teils recht bedrückend sein, doch gleicht dies meine Arbeitsstelle wieder aus. Da der englische Kindergarten international ausgelegt ist, arbeiten dort einige Mitarbeiter, die ursprünglich aus einem anderen Land kommen. Sie bringen ihre eigene sehr offene Mentalität in die Arbeitsumgebung. Zudem sind die Kinder noch sehr mitteilungsbedürftig, emotional und scheuen nicht vor Körperkontakt zurück, wie zum Beispiel einer Umarmung bei der Begrüßung. Diese ist unter Jugendlichen und Erwachsenen hier nicht üblich.

Wie man mit der Situation klar kommt, hängt aber nicht nur vom Land, sondern auch von einem selbst ab. Ich bin eher zurückhaltend und fühle mich hier in mancher Hinsicht sogar wohler als in Deutschland. Als ich über Weihnachten bei meiner Familie war, fühlte ich mich zwar auch wohl, jedoch nicht mehr zuhause. Für mich war es eine wahre Reizüberflutung wieder alles verstehen zu können und mir wurde es zum Teil etwas zu viel. Die Zeit dort war schön und ich hätte auch länger in der Heimat bleiben können, doch war ich nicht traurig, als ich wieder nach Finnland flog. Ich freute mich sehr auf mein „Zuhause“, Julian und meine Arbeit. Ich glaube auch, dass für mich der Kulturschock nicht stark war, da wir in der WG sehr viel reflektieren und das Erlebte aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Dazu beigetragen hatten zudem die beiden Vorbereitungsseminare, die mich gut auf das Jahr vorbereitet haben. Ich sehe mich zum jetzigen Zeitpunkt als Teil einer neuen Kultur, die jedoch nicht nur aus dem „finnischen“ sondern auch aus meinem Kindergarten besteht. Ich sehe diese Kultur auch als einen neuen Teil von mir, der mir neue Sichtweisen eröffnet.

 

DRK: Was gefällt dir besonders gut an deiner Gastkultur, was weniger?

Julian: Mir gefällt die gute Struktur im Leben der Menschen. Ich habe gerne eindeutige Regeln auf welche ich mich verlassen kann. Sie vermitteln mir ein Gefühl von Sicherheit und Beständigkeit. Positiv ist auch die Freundlichkeit, die mir entgegengebracht wird. Ich fühle mich immer willkommen und akzeptiert. Dann ist da die angenehme Form des finnischen Patriotismus. Sie zeigt sich in einigen Festen, z.B. der Unabhängigkeitsfeier, aber auch an der großen Beliebtheit finnischer Produkte. Ich halte sie für angemessen und es macht auch mir, als Deutscher, Spaß die finnischen Traditionen auszuleben. Die Sauna und der Kaffee bilden einen festen Bestandteil der finnischen Kultur. In unserem WG-Alltag wurden mittlerweile beide fest integriert. Zudem gefällt mir die Naturbezogenheit der Finnen. Gerade beim populären Wandern habe ich das Gefühl das “wahre Finnland” zu erleben.

Als nicht so gut empfinde ich die Verschlossenheit der Finnen. Die meisten Gespräche bleiben oberflächlich und kaum einer erzählt von privaten Angelegenheiten. Das führt manchmal dazu, dass ich Personen nicht richtig einschätzen und mir ihre Handlungen nicht erklären kann. Zur Verschlossenheit zählt auch, dass ich in meiner Arbeit und Sprache nicht verbessert werde, obwohl ich erklärt habe, dass es mir sehr helfen würde. So bleibt die Kommunikation begrenzt und Meinungsverschiedenheiten werden nur selten direkt ausgetragen. Zudem ist es schwer Anschluss zu finden, da fast jeder Finne, selbst bei noch so viel augenscheinlicher Freundlichkeit, Distanz halten möchte.

 

DRK: Wie gehst du mit den Aspekten, die dir weniger zusagen, um?

Julian:Ich akzeptiere die Verschlossenheit und versuche mich bestmöglich zu erklären, wenn ich einmal einer anderen Meinung bin. Mit den Kontaktschwierigkeit komme ich mittlerweile auch gut zurecht, insbesondere da ich sowieso kein Mensch bin, der große Menschenansammlungen braucht, um sich wohl zu fühlen. Soziale Kontakte halte ich mit einigen anderen Ausländern und mit ein paar finnischen Freunden, die mich in ihrem Freundeskreis aufgenommen haben.

DRK: Was vermisst du aus Deutschland? Kulturell, menschlich, materiell, etc.?

Julian: Ich vermisse nicht viel. Mit Familie und Freunden skype ich regelmäßig oder nutze andere Möglichkeiten der mobilen Vernetzung. Alte Hobbys konnte ich durch neue ersetzen, wobei ich materiell natürlich eingeschränkt bin. Das hat allerdings auch seine positiven Seiten. Ich nutze die verfügbaren Mittel bewusster, setze so Prioritäten in meinem Leben und weiß das, was ich habe, mehr zu schätzen.

DRK: Wie klappt es mit der fremden Sprache?

Julian: Mein Finnisch wird täglich besser, von einem gigantischen Lerndrang möchte ich aber nicht sprechen. In meinem Arbeitsumfeld geschieht 90% auf Englisch und sonst ist mein Kontakt mit der Sprache,  auch auf Grund der Zurückhaltung der Bevölkerung, sehr eingeschränkt. Wenn ich Finnisch gebrauche, dann mit den Kindern und in einfachen Sachzusammenhängen. Ich versuche vielfältig zu lernen. Mit Büchern, einem Sprachkurs und durch das Gespräch mit Kindern und Reinigungskräften unserer Einrichtung.

Mein Englisch hat sich stark verbessert und gefestigt. Ich fühle mich nun im täglichen Gespräch sicher. Dies ist für mich ein großer Erfolg und geschah durch die feste Integration der Sprache in meinen Arbeitsalltag wie von allein.

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