Kulurschock- Nein Danke. Ein Poetry Slam von Carolin Grande

                  Kulturschock- Nein Danke- was habe ich alles befürchtet,

                  Erfahren das Fremde in der Ferne,

                  Angst, nicht mehr ich sein, nicht mehr ich selbst sein,

                  wenn ich dann nach einem Jahr wieder komme heim.

Wie die andere Kultur wohl werden wird, sich anfühlen, riechen, schmecken, leben wird. Finnland hoch im Norden, werde ich mich tatsächlich in die Gesellschaft einordnen? Was soll´s da schon geben außer schüchternen, die meiste Zeit schweigende Finnen, Birkenzweige und Sauna in jedem Mökki drinnen.

Diese finnische Stille, haben sich die Menschen denn wirklich nichts zu sagen? Es scheint die Finnen genießen es, nicht immer zu neue Wörter, neue Sätze, neue Themen in ihren Köpfen zu formen, das schwierige Balancieren auf dem Drahtseil des Small Talks zu performen. Nein, keine Ode an den Small Talk wird hier gehalten. Kein Austausch oberflächlicher Feinheiten. Auch an schlechten Tagen, mir geht es bestens sagen, obwohl gruselige Monster mich in meinen Träumen jagen. Lasst uns diesen Teil einfach überspringen. Niemandem unsere ehrlichen Befindlichkeiten aufzwingen. Das ist jetzt keineswegs merklich unehrlich, sondern einfach nur vereinfacht. Oder auch: die berühmt berüchtigte finnische Stille. Small Talk - Nein Danke. Im Volksmund wird gesagt, die größte Angst des Finnen besteht darin im Bus laut anzumerken, dass der Fahrer doch bitte anhalten und nicht an der erwünschten Haltestelle vorbeirauschen soll. Und bevor sich der Finne fühlt wie ein zur Schau gestellter Geisteskranker, fährt er lieber still schweigend weiter.

Natürlich bin ich mir durchaus bewusst, dass das hier nur Anhäufungen auf nur einen Bruchteil der Bevölkerung anwendbare Stereotypen sind. Aber sie gibt es. Sie leben unter uns ganz unentdeckt, gar versteckt. Manchmal frage ich mich wie sich die Finnen denn fortpflanzen, wobei sie sich doch in ihren eigenen Köpfen verschanzen zu scheinen.

 Kein Wunder bei dieser kryptischen Sprache, mag ein Außenstehender des finnisch nicht mächtigen denken. Wer um Himmels Willen lernt freiwillig finnisch? Das haben wir uns nach kurzer Zeit selbst gefragt. Auch die Finnen, mit bedauernden Blicken geplagt, konnten unserer Euphorie nichts abgewinnen. Eine Sprache mit 15 Fällen, die keine Präpositionen, mehr Vokale als Konsonanten im Wort und mehr Ausnahmen als Regeln kennt. Eine Sprache, die kein Futur kennt und in der kein Wort für „bitte“ existiert, die hat schon lange kein Linguist reformiert. Kein Wunder, dass sie da sogar als Vorlage für elbisch funktioniert.

Minä en tule oppimaan Suomea – Ich werde nie finnisch lernen.

Zumindest nicht zu 100 Prozent, nicht einmal zu 70. Okay vielleicht nicht mal ein zu einem Zehntelprozent.

Aber jetzt mal ehrlich, es wäre auch entbehrlich. Im undurchblickbaren Dschungel aus y’s und Vokalharmonien bewegen wir uns wie getarnte Muggel. Versuchen uns immerzu soweit wie möglich mit unseren paar Brocken finnisch durch zu mogeln, doch ertappt werden wir und zu knapp die Zeit mal eben nach dem passenden Wort zu googlen. Wirklich unlogisch diese Sprache auf den ersten und auch auf den zweiten Blick. Jede Stunde Sprachunterricht lässt erblassen mein Gesicht. Doch wenn am nächsten Tag die Kinder mit mir reden, als würde ich alles verstehen, dann kann ich mit der Frustration recht gut umgehen. Und nichts ist lustiger als Emmis plötzliche Lachanfälle, wenn ich mal wieder auf die Schnelle ein bisschen Finnisch verbal erbreche.

Bestätigt hat sich dann die Theorie, dass Finnen einen anderen Weg gefunden haben müssen, miteinander zu teilen ihre Euphorie. Man nehme: eine Sauna, die Menge an Alkohol, die bei einem Durchschnitts Deutschen für ein halbes Jahr reicht, schwitzende, splitterfasernackte Menschen und schon hat der Finne einen kulturell hoch geschätzten Abend. Und zwar werden in Finnland seit dem ersten März 2017 alle Ehen von jedem anderen Ufer ohne Amtsvergehen als legal angesehen und trotzdem werden mehr als die Hälfte der Ehen wieder geschieden.

Das Gesprächsthema der steigenden Selbstmordrate um Weihnachten wird immerzu gemieden. Und erst wenn die dunklen Gedanken der düsteren Tage Anstalten machen zu verfliegen ist der Finne wieder als glücklicher Mensch zu betrachten. Bewegt sich unter dem auftauenden Himmel, pflegt soziale Interaktion im menschendurchflutenden Gewimmel der Städte.

Der bewusste Verzicht auf die primitivste Form der Kommunikation führt zu meinem Leidwesen zu einer Isolation. Freunde finden kommt mittlerweile einer Mission Impossible gleich. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf, treffen wir vielleicht mal jemanden beim Supermarkteinkauf. Ach ja, das haben wir ja schon. Leider etwas größengemindert, sehbehindert und so circa 70 Jahre alt. War ein wirklich nettes Gespräch und so gar nicht finnisch.

Wenn wir dann doch keine Leute in unserem Alter finden, dann müssen wir keineswegs Zeit schinden, bis das Jahr zu Ende ist. Denn es gibt ja noch uns vier. Ein Haufen zusammengewürfelter Charaktere, die sich, Butter bei die Fische- im echten Leben nie gefunden hätten, wie wir uns jetzt aber voller Stolz als kleine Finnland Fam zusammen ketten. Diese abartigen Kindergartenstorys miteinander teilen, wir zusammen an Urlaubsplänen feilen, uns gegenseitig bei Krankheit heilen auch wenn nur mit wirklich schlechten Witzen. Ich kann sie ja wirklich ganz gut leiden meine Kumpanen, auch wenn wir ahnen, dass unsre gemeinsame Zeit irgendwann ein Ende finden wird. Diesen Gedanken verdrängen wir lieber.

Es folgt ein kulinarischer Ausflug in die Eiswüste der garantiert weckt die Gelüste. Morgens früh um 8 wird Kaffee gemacht. Das flüssig braune Lebenselixier, der Muntermacher, der Grinseverursacher, macht jeden finnischen müden Morgenmuffel zum Arbeitstier. Ein zwei Tassen am Tag, trinkt jeder Deutsche, wenn er es mag. Drei vier Tassen – pff für die normalen Arbeiterklassen. Fünf Sechs .. dann eher Becher, machen keinen zum Gesetzesbrecher. Eher zum Genussmensch, eher zum waschechten Finnen. Mh was gibt es sonst noch zu berichten, ich wertschätze die finnische mit Kardamom gefüllte Zimtschnecke, nach der ich mir die Finger lecke.

Minä olen - ich bin.

Zwischen Heimatlosigkeit und Neu Heimat Findung. Befinde ich mich auf Heimatsuche, bewege mich aus der Komfort Zone hinaus. Das alte Gewohnte verlassen, dabei die Bilder an der Wand gegen neue Wände eintauschen. Hab dann ausgemacht was zu mir gehört und was für immer bleiben wird. Finally Zuhause meinen und damit die kleine Wohnung und Kerava und Finnland im Allgemeinen damit assoziieren.

Der Duden sagt: Heimweh, Substantiv, Neutrum. Definition: große Sehnsucht nach der fernen Heimat oder einem dort wohnenden geliebten Menschen, bei dem man sich geborgen fühlte. Doch muss ich ehrlich sagen, so richtig zerwühlt hab ich mich nie gefühlt. Im Zeitalter des ständigen Online-Seins, wenn sogar Oma und Opa kommen zurecht mit dem Facebook-Einmaleins, würde ich mir lieber keine Sorgen darum machen wollen, wann ich das nächste Mal sagen soll, ich bin nicht verschollen, immer noch nicht, mir geht es gut, das Wetter ist schön! Oder auch nicht, schließlich reden wir hier von Finnland.

Manchmal- ach was- meistens gibt es nichts Weltbewegendes zu berichten. Und dabei ist unser Leben hier nicht mal langweilig- mitnichten. Zufriedenheit- gar innere Ruhe ist eingekehrt und das liebe Lieschen hat mich dazu bekehrt.

Soweit zu gehen, jetzt hier noch richtig deepen stuff von mir zu geben, würde ich nicht. Ich bin kein anderer Mensch geworden, habe nicht „zu mir gefunden“ und wurde auch nicht erleuchtet, zumindest noch nicht, denn dieses Gerede wäre zweifelsfrei geheuchelt.

Wir geh‘n ein Stück weg, kommen zurück und wir erkennen das perfekte Glück. Und dabei ist es nicht das perfekteste sondern es ist einfach gut so wie es ist.

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